Wer von einem der Balkone unseres AWM-Gebäudes in Richtung Südwesten blickt, kann das Schloss Solitude erkennen und etwas weiter rechts die Gerlinger Höhe. Gerlingen – heute eine Stadt mit überdurchschnittlich vielen Millionären, war im 19. Jahrhundert noch ein einfaches, von Landwirtschaft und Weinbau geprägtes Dorf mit ca. 1500 Einwohnern. Doch innerhalb weniger Jahrzehnte gingen zahlreiche Gerlinger als Pioniermissionare nach Afrika, China und Indien.

Der damalige Pfarrer Stange (1835–1865 in Gerlingen) berichtete, dass er noch nie eine Gemeinde erlebt habe, „in der eine solche Sehnsucht nach dem lauteren, evangelischen, apostolischen Wort vorhanden ist“. Unter der jungen Generation gab es in dieser Zeit eine regelrechte Missionsbewegung. Allein die Familie Däuble ließ fünf ihrer elf Kinder als Missionare und Missionarinnen an die damaligen „Enden der Erde“ ziehen. Auch einige andere stammen aus denselben alteingesessenen Familien. Die meisten erlernten zunächst ein Handwerk oder waren im elterlichen Betrieb tätig und gingen dann ins 1815 gegründete Baseler Missionshaus, um sich dort mehrere Jahre zu Predigern, Bibelübersetzern, Lehrern und Sprachforschern ausbilden zu lassen. Einige setzten ihr erlerntes Handwerk auch ein, um aus heutiger Sicht Entwicklungshilfe zu leisten.

„Die Zeit ist allemal vorbei, wo ausländische Missionen und Missionare die Leitung der Arbeit ausschließlich in ihrer Hand halten. Der Ausländer muss herunter von seiner beherrschenden Stellung, muss neben den Chinesen treten und ihn als gleichberechtigt anerkennen.“

Wilhelm Maisch

Die heute bekanntesten Missionare waren Johannes Rebmann (1820–1876), dessen Grab sich auf dem Alten Friedhof direkt unterhalb der AWM befindet, und Johannes Zimmermann (1825–1876). Rebmann wirkte als Pioniermissionar und Sprachforscher in Ostafrika und gilt als „Entdecker“ des Kilimandscharo für die westliche Welt. Er wollte den Ostafrikanern „das Christentum nicht bloß geistlich, sondern ganz leibhaftig“ darstellen und bat darum, dass „einige fromme Bauernfamilien“ ihn in seiner Arbeit unterstützen sollten. Auch Zimmermann, der im heutigen Ghana tätig war, wollte Mission und Schulungen in Agrarwirtschaft verbinden. Außerdem übersetzte er die Bibel, den ev. Katechismus und hunderte Kirchenlieder in die Gã-Sprache und heiratete – gegen den ausdrücklichen Willen der Missionsgesellschaft – eine Afrikanerin.

Wilhelm Maisch (1878–1924) setzte sich in China für eine Zusammenarbeit auf Augenhöhe ein: „Die Zeit ist allemal vorbei, wo ausländische Missionen und Missionare die Leitung der Arbeit ausschließlich in ihrer Hand halten. Der Ausländer muss herunter von seiner beherrschenden Stellung, muss neben den Chinesen treten und ihn als gleichberechtigt anerkennen.“ Bemerkenswert ist auch James Rathlef (1896–1988), der 1961 in Gerlingen die Vereinigte Deutsche Missionshilfe (VDM) mitbegründete und ein Jahr später die Deutsche Indianer Pionier Mission (DIPM) ins Leben rief.

Insgesamt sind auf der Internetseite der Johannes-Rebmann-Stiftung 23 Männer und Frauen als Gerlinger Missionare aufgelistet, was zu der Bezeichnung „Missionarsstadt“ führte.

Mich inspiriert daran, dass aus der Bereitschaft einzelner, ihren scheinbar vorgezeichneten Weg als Bauern und Handwerker zu verlassen und auf diesen – damals unglaublich risikobehafteten – Weg ins Unbekannte aufzubrechen, eine ganze Bewegung junger Leute wurde, die im Grunde bis heute anhält. Plötzlich war es für die Gerlinger geradezu „normal“, Missionare im Familien- und Freundeskreis zu haben oder selbst diesen Weg einzuschlagen. Was wünsche ich mir als das „neue Normal“ in meinem Umfeld und wie kann ich dazu beitragen?

Bildnachweis: Adobe Stock (Gerlingen), Johannes-Rebmann-Stiftung