Jemand beginnt strahlend zu erzählen: „Ich habe eine wunderbare, ganz wichtige Geschichte gehört! Sie beginnt so: ‚Die Leute nannten ihn den Sohn Josefs. Josefs Vater war Eli, und dessen Vorfahren waren: Mattat – Levi – Melchi – Jannai – Josef – …‘“. Spätestens am Ende der begeisterten Auflistung von weiteren 69 Namen, würden wir uns wahrscheinlich verwundert fragen, was das „Wunderbare“ und „Wichtige“ an dieser Geschichte ist. Aufzählungen von Generationen von Vorfahren haben bei uns einen recht geringen Stellenwert und wenig Bedeutung. In Teilen des Mittleren Ostens und Afrikas ist das anders. In einem afrikanischen Volk werden wichtige Besucher eines Dorfes dadurch angekündigt, dass jemand ihren gesamten Stammbaum, immer wieder, vor ihnen her singt. Für diese Menschen haben die langen Listen der Vorfahren in der Bibel, die wir eher ignorieren, eine ganz tiefe Bedeutung.

Wir erkennen nur bruchstückhaft – geprägt von den Perspektiven unserer eigenen Kultur und persönlichen Geschichte. Deshalb ergänzen Christen aus anderen Kulturen unsere Sicht – gerade auch im Verstehen von Gottes Wort. Unterschiedliche Kulturen nehmen verschiedene Aspekte des Evangeliums mit besonderer Tiefe wahr und können uns daher zu einem vollständigeren Verständnis der Bibel verhelfen. Wir brauchen einander, weil niemand alleine das Ganze wahrnimmt.

Dabei spielt natürlich das Verstehen der Ursprungskultur des Alten und Neuen Testaments eine besondere Rolle. Beispielsweise können Christen aus dem Mittleren Osten und messianische Juden uns helfen, viele der Gleichnisse tiefer zu deuten und die Ehre/Scham-Sprache der Bibel besser zu verstehen. Im Gleichnis vom verlorenen Sohn beispielsweise, nimmt der alte Vater, der seinem Sohn entgegenläuft (große Erniedrigung), so eine viel tiefere und reichere Bedeutung an, als wir mit der Brille unserer heutigen europäischen Kultur sehen können. Aber auch in der Geschichte der Gemeinde, von hebräisch zu griechisch und römisch geprägten Kulturen, sehen wir, wie unterschiedliche Aspekte des Evangeliums tiefer ausgeprägt sind.

Weil wir die Welt nur bruchstückhaft sehen, lohnt sich auch interdisziplinäres Forschen ganz besonders. Unterschiedliche Dimensionen kommen so ins Licht. Zusammenhänge können erkannt werden. Heute wissen wir wesentlich mehr über kulturelle Unterschiede im Denken und in der Wahrnehmung. Denkstile, z. B. analytisches oder ganzheitliches Denken, führen zu unterschiedlichen Perspektiven. Oral-Kulturen und Schrift-Kulturen strukturieren das Denken, Sprechen und Argumentieren anders. Individualistisch geprägte Kulturen haben eine starke Sicht auf den einzelnen Menschen – auch auf Menschen in der Bibel. Kollektivistisch geprägte Kulturen richten ihren Blick zuerst auf Beziehungen, Gemeinschaft und Gemeinde. Gemeinsam mit Christen aus anderen Teilen der Welt können wir ein tieferes, umfassenderes Verständnis von Gottes Wort und der Welt, in der wir leben, erreichen. Erst in der Ewigkeit werden wir das komplette Bild sehen. In Gemeinschaft mit anderen Christen und der Hilfe des Heiligen Geistes, kann sich unsere Perspektive aber schon jetzt erweitern.

Ich wünsche Ihnen, und uns an der AWM, im neuen Jahr mehr von diesem Reichtum zu entdecken!

Ihr

Denn unsere Erkenntnis ist bruchstückhaft …

1. Korinther 13,9

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