Im sechsten Kapitel des ersten Königebuches wird der Bau des salomonischen Tempels beschrieben. Als Breite des Allerheiligsten werden hierbei zwanzig Ellen angegeben (Vers 2). So weit, so unspektakulär. Interessant ist allerdings eine auf das erste oder zweite Jahrhundert zurückgehende rabbinische Tradition, der zufolge sich der Raum auf beiden Seiten der Bundeslade um je zehn Ellen erstreckte. Die Rechnung geht also nicht auf. Der Raum müsste eigentlich breiter sein.

Der um 600 n. Chr. entstandene Babylonische Talmud (Traktat Joma 21b →), welcher dem Judentum als wichtigste Schrift neben der Bibel gilt, erklärt diesen Umstand mittels eines Wunders: bei der Bundeslade handele es sich zwar um ein dingliches Objekt, jedoch nähme dieses keinen physikalischen Raum ein.

Freilich wäre es einfacher, der älteren rabbinischen Tradition zu widersprechen. Allem Anschein nach gilt das Interesse von Rabbi Levi, dem die obige Wundertheorie im Talmud zugeschrieben wird, jedoch nicht der Rekonstruktion historischer Tatsachen. Vielmehr soll hier eine theologische Aussage getroffen werden. Immerhin handelt es sich bei der Bundeslade um den Aufbewahrungsort des Dokumentes, das den Bund zwischen dem Schöpfer des Universums und dessen auserwähltem Volk bezeugt. Die Bundeslade markiert somit den Ort, an dem natürliche und übernatürliche Welt bzw. Immanenz und Transzendenz einander begegnen.

Fenster des York Minster
John Thornton

Wesentlicher Bestandteil der Vorstellung von Transzendenz ist Gottes Allgegenwart: Es gibt keinen Ort, an dem Gott nicht präsent wäre. Dennoch ist seine Gegenwart naturwissenschaftlich nirgends nachweisbar. Das scheint die Kernaussage von Rabbi Levis Theorie zu sein. Bisweilen wird Gottes Gegenwart jedoch selbst in religiösen, ja sogar in biblischen Texten gänzlich verschwiegen.

Ein besonders eindrückliches Beispiel für diesen Umstand ist das Buch Esther. An keiner Stelle des Buches wird Gott jemals explizit erwähnt. Dennoch wird von Ereignissen berichtet, die maximal unwahrscheinlich sind. Allen voran die Erzählung von einem jüdischen Waisenkind, das zur persischen Königin wird, wodurch ein geplanter und bereits vorbereiteter Genozid am jüdischen Volk verhindert werden kann. Wer hier aufmerksam zwischen den Zeilen liest, dem bleibt Gottes mittelbares Handeln nicht verborgen.

Geschichten wie diese ermutigen ungemein. Gerade in Situationen, in denen die Sehnsucht nach einem übernatürlichen Wunder womöglich groß ist, ein solches Wunder aber ausbleibt.

Esther Denouncing Haman to King Ahasuerus
Ernest Normand

Mehr noch: im Rahmen des Kanons der Hebräischen Bibel (sog. Altes Testament) lässt sich das Buch Esther gar nicht anders lesen als ein offenkundiger Beleg für Gottes Gegenwart, sein Dasein für sein Volk.

Geschichten wie diese ermutigen ungemein. Gerade in Situationen, in denen die Sehnsucht nach einem übernatürlichen Wunder womöglich groß ist, ein solches Wunder aber ausbleibt. Oftmals ist das Eingreifen Gottes daher erst in der Rückschau erkennbar. Viele Studierende der AWM berichten regelmäßig von derartigen Erlebnissen.

Auch wir als Mitarbeitende durften die Gegenwart Gottes und sein mittelbares Handeln in den vergangenen Monaten vielfach und in unterschiedlichen Bereichen erfahren: bei Personalfragen, in finanziellen Herausforderungen, bei Planungsprozessen und nicht zuletzt in einzelnen Kursen, Weiterbildungen sowie bei der Begleitung von Studierenden. Diese Erfahrung erfüllt uns mit Dankbarkeit und lässt uns weiter mutig in die Zukunft blicken.

Interesse geweckt?
Tauche tiefer ein:

Im Oktober startet unsere dreiteilige Seminarreihe Messianisches Lehren und Lernen mit Anatoli Uschomirski und Magnus Großmann. Es geht darum, den jüdischen Kern des christlichen Glaubens tiefer zu verstehen: Eine Seminarreihe für engagierte Menschen aus messianischen oder christlichen Gemeinden mit Interesse an jüdischer Geschichte, Kultur, Glaubenspraxis und Schriftauslegung.

Weitere Informationen und Anmeldung unter: www.awm-korntal.eu/mll

Bildnachweis: Wikipedia, Adobe Stock

Aktuelle News