Auf ein Neues, Europa!

Auf ein Neues, Europa!

Etwas ist anders. Diesmal. Für mich. Wir in Europa starten wieder einmal in Freiheit und Frieden in das neue Jahr. Selbstverständlich? Wie gewöhnlich? Nicht für mich. Nicht in diesem Jahr. Zwei Ereignisse stecken noch in mir.

Mit meinem 84-jährigen Vater konnte ich im Herbst 2018 eine biographische Veranstaltung gestalten. „Die langen Schatten des Krieges. Kriegskinder und Kriegsenkel“ – so unser Thema. Dabei wurde deutlich, wie tief, wie lange und wie verborgen der Krieg nachwirkt – über Generationen hinweg. Viele Gespräche folgten – nicht nur mit Deutschen. In ganz Europa leben sie – die Kriegskinder von damals, geboren zwischen 1930 und 1945. Heute alt geworden, haben viele ihre schweren Geschichten in sich verschlossen. Verborgenes, nie thematisiertes Leid, tief vernarbte Kinderseelen… – doch genau diese Generation hat mit Wille und Gestaltungskraft dafür gesorgt, dass Europa (beinahe) kriegsfrei geblieben ist. Seit Jahrzehnten.

Wie oft wurden die wirtschaftlichen Gründe „vorgeschoben“: Währungsunion, ein gemeinsamer Wirtschaftsraum, der Euro. Leider sind dabei die Geschichten der Kriegskinder nicht zur Sprache gekommen. Ihr gemeinsames Leiden an verlorenen Vätern, verdunkelten Kinderjahren, eingebrannten Schreckensbildern, dunklen Träumen der Nacht.

Und doch meine ich, dass genau diese Erfahrung wesentlich zur Befriedung Europas beigetragen hat. „Nur“ ein äußerer Friede – wie er aber nie zuvor in Europa herrschte.

Mit dem Sterben dieser Generation verlieren wir ihre Geschichten, verlieren wir einen wenig beleuchteten Teil der Geschichte, verlieren wir eine verschwiegene und doch kräftige Wurzel für das Miteinander in Europa. „Auf ein Neues, Europa!“ – wir sind gefordert, als nachfolgende Generation den Frieden zu suchen. Und als Christen die Quelle für Frieden aufzuzeigen. Nur wirtschaftliche Vorteile zu betonen, genügt und überzeugt nicht (mehr). Als Christen dürfen und können wir einen Beitrag leisten: „Auf ein Neues, Europa!“ Frieden, der die Gesellschaften prägt, braucht eine Quelle. „ER ist unser Friede!“ (Eph.2,14).

Die zweite Erfahrung...

Auf einem Kongress im Süden dieser Welt darf ich als Europavertreter teilnehmen. Es geht um Mission. Die Lage der Christenheit wird beschrieben. Auf allen Kontinenten gibt es wachsende, starke, missionarische Kirchen und Bewegungen. Menschen, die in Hauskirchen oder Megachurches strömen. Nur in Europa sind es verhältnismäßig wenig Menschen, die „so unterwegs sind“. Ja, es gibt hoffnungsvolle Ansätze, die wunderbar sind, weil so Menschen von der Freude des Evangeliums erfahren und erfasst werden. Doch in den Augen der munteren, wachsenden, eifrigen Kirchen des Südens sieht Europa sehr bedürftig aus. Deshalb machen sie sich Gedanken, suchen Informationen, erfragen Möglichkeiten, wollen Partnerschaften entwickeln – und sie sind bereit zu kommen! „Auf ein Neues, Europa!“ – ja, neu soll das Evangelium in Europa aufleuchten. Neu soll erlebbar werden, wie ein Leben als Jesus-Jünger aussieht. Sie kommen, von Brasilien, von Kenia, aus den Philippinen – um hier in Europa, nein um Europa neu zu evangelisieren. Sie haben große Leidenschaft, viel Glauben und eine Menge Mut. „Siehe ich will ein Neues schaffen!“ (Jes.43,19)

Heißen wir die Aufgaben im Europa des Jahres 2019 willkommen? Können wir einen konkreten Beitrag leisten? Ja, beginnend in unserem Kopf und Herz, hineinwirkend in unsere Gespräche, konkretes Engagement – für Frieden und für die Mission Europas – mit Hilfe der Christen des Südens. „Auf ein Neues!“

Traugott Hopp
Rektor

Traugott Hopp

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Das Bild wurde uns von Eric Ward auf Unsplash zur Verfügung gestellt.

01.01.2019