Salz oder Zucker?

„In Korntal gibt‘s nur heilige Leut’!”, meinte ein Automechaniker etwas spöttisch auf meine Frage, wo ich ein bestimmtes Werkzeug kaufen könnte. Die Geschichte Korntals als eine Art fromme Kolonie hängt heute noch nach. Aber die Reaktion zeigt auch: Heilig sein – oder es sein zu wollen – ist nicht populär. Wieso? Eine Außenansicht kann ganz heilsam sein, zum Beispiel mit diesem Wiki-Eintrag:

Bigotterie (französisch bigoterie) oder Scheinheiligkeit ist die Bezeichnung für ein frömmelndes, dabei anderen Auffassungen gegenüber intolerantes, gehässiges und scheinbar ganz der Religion oder einer religiösen Autorität (Person oder Instanz) gewidmetes Wesen oder Verhalten, wobei der tatsächliche Lebensstil eigentlich nicht religiös oder sittlich streng gehalten wird. Der Duden bezeichnet Bigotterie als Scheinheiligkeit und „kleinliche, engherzige Frömmigkeit und übertriebene(n) Glaubenseifer“.Das dazugehörige Adjektiv ist „bigott“.
[Quelle: Wikipedia]

Wenn Heiligkeit nur Schein ist, ist das ein gravierendes Problem. Darin ist sich die Welt mit Jesus einig. Aber der Vorwurf der Scheinheiligkeit kann auch schlicht ein Missverständnis sein, eine Art gottlose Außenansicht genuiner Heiligkeit. Denn wenn Christen ihr Wesen und Verhalten ganz Gott widmen und in jeder Hinsicht Jesus nacheifern, dann liegen sie eben häufig quer zum Mainstream „der Welt“. Der Ruf Gottes im AT und NT ist: Seid heilig, denn ich bin heilig. Sollten sich Christen aus Sorge, missverstandenen zu werden, abhalten lassen, ein geheiligtes Leben anzustreben? Sollten Christen vor einem Leben der ganzen Hingabe zurückschrecken, weil es von der Welt als übertriebener Glaubenseifer verurteilt wird?

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Nicht Christen haben den Anspruch „etwas Besseres“ zu sein, sondern Christus stellt ihn an seine Nachfolger und Nachfolgerinnen. Jesus fordert heraus: „Seid vollkommen, wie euer Vater im Himmel vollkommen ist.“ Diese Vollkommenheit polarisiert, sie trifft mal auf Respekt und mal auf Verachtung, zu Recht und zu Unrecht. Ein heiliges, reines, geisterfülltes, von Liebe geprägtes Leben mitten in der Welt wirkt wie Salz in der Suppe, aber auch wie Salz in der Wunde. Wäre es nicht angenehmer, Zucker zu sein?

Jesus selbst betet für die Heiligung der Jünger (Joh 17,16-19). Und Paulus wünscht den Thessalonichern:

Er selbst aber, der Gott des Friedens, heilige euch völlig; und vollständig möge euer Geist und Seele und Leib untadelig bewahrt werden bei der Ankunft unseres Herrn Jesus Christus! Treu ist, der euch beruft; er wird es auch tun. (1 Thes 5,23-24).

Tobias Menges
(Ph.D., Columbia International University) Tobias Menges ist Dekan von CIU Korntal und MA Studienleiter. Zuvor leitete er seit 2013 das Studienangebot auf Bachelor-Ebene. Nach einer technischen Berufsausbil ...
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Bildnachweis: James Coleman / unsplash.com

31.01.2022